Nicht-Wissen aushalten:
Warum Übergangsphasen wertvoll sind
Im Januar saß ich vor einem leeren Vision Board. Eigentlich wollte ich meine Jahresziele visualisieren, so wie ich es sonst auch tue. Aber es kam nichts. Keine Idee. Kein Bild. Keine Klarheit.
Nur Leere.
Und dann dieser innere Druck: „Du müsstest doch wissen, was du willst. Du arbeitest doch mit Menschen genau an diesem Thema."
Aber ich wusste es nicht. Und genau das fühlte sich falsch an.
Vielleicht kennst du das auch. Diese Momente, in denen der Kopf nach Lösungen sucht, nach dem nächsten Schritt, nach irgendeiner Form von Klarheit und findet: nichts.
Kein Plan. Keine Entscheidung. Kein inneres „Ja, so mache ich das jetzt".
Was bleibt, ist Leere. Und oft auch Unruhe.
Viele erleben diesen Zustand als Stillstand. Als Zeichen, dass sie feststecken oder etwas falsch machen. Dabei ist das
Nicht-Wissen häufig kein Fehler sondern ein
Übergang.

Wenn Aktivität Sicherheit verspricht
Dein Nervensystem mag Klarheit. Oder besser gesagt: Es mag Kontrolle.
Wenn du weißt, was zu tun ist, fühlt sich das sicher an. Selbst dann, wenn die Aufgaben dich überfordern oder du längst über deine Grenzen gehst. Aktivität gibt Halt. Beschäftigt sein beruhigt kurzfristig.
Nicht-Wissen dagegen fühlt sich unsicher an. Es lässt dich ohne Orientierung zurück. Ohne Richtung. Ohne sofortige Lösung.
Und genau deshalb versuchst du oft, diesen Zustand so schnell wie möglich zu beenden: durch neue To-do-Listen, durch Aktionismus, durch „Ich müsste jetzt eigentlich …"
Was dabei übersehen wird: Nicht jede innere Leere ist ein Problem, das gelöst werden muss.
Was passierte, als ich aufhörte zu suchen
Diese Woche habe ich etwas gemacht, das sich erst falsch anfühlte: Ich habe den Berg an Aufgaben liegen lassen. Einfach so.
Ich bin nicht produktiv gewesen. Ich habe keine Entscheidungen getroffen. Ich bin einfach still gewesen. Nicht für einen Moment, sondern über Tage hinweg immer wieder.
Und dann, ohne dass ich es erzwungen habe, kam etwas.
Nicht als große Erkenntnis. Sondern leise. Ein Wort hier, ein Bild da. Konfetti. „Zeig dich". Genießen.
Mein Vision Board hat sich gefüllt aber nicht mit Zielen. Sondern mit dem Ausdruck dessen, wie ich sein will. Es ist zu einem Anker geworden. Nicht für Leistung, sondern für Ausrichtung.
Und genau das konnte nur entstehen, weil ich aufgehört habe zu suchen.


Übergangsphasen fühlen sich selten gut an
Es gibt Momente, in denen das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht greifbar ist. Ein innerer Zwischenraum.
Von außen sieht das oft nach Stillstand aus. Von innen fühlt es sich leer, instabil oder irritierend an.
In Wahrheit passiert hier häufig etwas sehr Wesentliches: Dein System sortiert neu.
Nicht auf der Ebene von Argumenten oder Pro-und-Contra-Listen, sondern tiefer. Auf der Ebene von inneren Bedürfnissen, Grenzen und echter Ausrichtung.
Das ist kein aktiver Prozess. Er lässt sich nicht beschleunigen. Und genau das macht ihn so schwer auszuhalten.
Warum du diesen Zustand so schnell beenden willst
Nicht-Wissen konfrontiert dich mit etwas, das viele nicht gewohnt sind: keine Leistung, kein Fortschritt, kein sichtbares Ergebnis.
Für viele Frauen, die viel tragen und im Alltag funktionieren müssen, fühlt sich das an wie Rückschritt. Oder Versagen.
Dabei ist es oft genau der Moment, in dem sich etwas lösen darf. Nicht durch Tun, sondern durch Raum. Raum, in dem der innere Druck nachlassen kann, alte Muster nicht sofort wieder greifen und neue Klarheit überhaupt erst entstehen darf.
Als ich da saß und mir bewusst Raum gegeben habe, musste ich schmunzeln.
Denn jede Coaching Session beginnt genau so. Ich weiß vorher nicht, was mein Gegenüber mitbringt. Und ich muss es auch nicht wissen.
Genau darin liegt die Qualität: Wir arbeiten mit dem, was da ist.
Nicht-Wissen gehört dazu, auch im Coaching
Und genau daran wurde ich neulich wieder erinnert, als ich selbst auf der anderen Seite saß.
Ich habe etwas bemerkt, das ich als Coach manchmal vergesse: Es muss keine Show sein. Ich bin von einer Erkenntnis zur anderen gekommen, aber nicht, weil mein Gegenüber mir Lösungen gegeben hat, sondern weil er mir Stille gegeben hat und einfach zugehört hat.
Keine Tools. Keine Interventionen. Nur Präsenz.
Und vielleicht ist genau das auch das, was du dir gerade erlauben darfst:
nicht funktionieren, nicht erklären, nicht lösen.
Genau dort, in diesem Raum, passiert das, was viele unterschätzen:
Klarheit entsteht nicht im Druck.
Sie entsteht oft nach der Leere. Nach dem Aushalten. Nach dem Nicht-Wissen.
Manchmal zeigt sie sich leise. Nicht als großer Aha-Moment, sondern als ein inneres „Das fühlt sich stimmig an". Und genau dafür braucht es das, was im Alltag oft zu kurz kommt: einen Moment ohne Optimierungsdruck.
Was wäre, wenn du diesen Zustand nicht sofort lösen,
sondern für einen Moment halten dürftest?
Vielleicht stehst du gerade genau an so einem Punkt. Zwischen dem, was war, und dem, was noch keine Form hat. Du musst das nicht sofort lösen.
Manches darf erst einmal da sein.
In den nächsten Wochen öffne ich einen Raum genau für solche Übergangsphasen.
Einen Ort zum Ankommen, ohne etwas wissen oder entscheiden zu müssen.
Wenn du verbunden bleiben möchtest, findest du im Newsletter weitere Gedanken und Impulse.
Ruhig, ehrlich und ohne Optimierungsdruck.
Von Herzen,
Nicole



